DIE KÜNSTLERIN IST ANWESEND – UND KÜSST….
über Spiel und Ernst einer Installation von Anke Eilergerhard, Eröffnungsrede anlässlich der Ausstellung „Die Künstler sind anwesend.“, Forum Bildender Künstler, Essen, 11. Juni 1999

Über die gesamten Wände zieht sich eine Raum – oder vielmehr Wandinstallation von Anke Eilergerhard. Die Künstlerin arbeitet nicht im traditionellen Sinne mit dem Pinsel, sondern hat, wie man nach dem ersten irritierenden Moment erkennen kann, ihren Mund, mit rotem Lippenstift bemalt, tausendfach auf die unberührten weißen Wände des Forums aufgedrückt. Die unterschiedlichen Gestalten ziehen sich wie ein roter Faden durch die Räume: immer an der Augenhöhe orientiert reihen sich zahlreiche Küsse über die laufenden Meter. Insgesamt sind es „6828 Küsse“, so auch der Titel der Arbeit, die in insgesamt 55 Stunden und 15 Minuten auf den Wänden entstand. Was, so fragt man sich unmittelbar, veranlasst Eilergerhard dazu, diesen Marathon auf sich zu nehmen? Eilergerhard hat in ihren Arbeiten immer wieder die Grenzen der Malerei ausgereizt: ob sie mit Stoffen, Puppenhaar oder Torten arbeitet – immer wieder greift sie auf Elemente des täglichen Umfeldes des Menschen zurück. Durch eine individuelle Gestaltung und Multiplikation dieser Materialien schafft sie einen neuen Kontext, der zunächst irritiert. Ein solches Überraschungsmoment ist auch Teil der Arbeit im Essener Forum. Zuerst nimmt man die Figurationen unterschiedlicher Ballungen, intensiver farbiger Zentren und Streuungen roter Ovalformen auf den Wänden wahr. Tritt man näher heran, so ist der einzelne Kussmund sofort zu erkennen. Die Küsse unterscheiden sich in ihrer Form und Farbintensität, die Mundöffnung variiert. Man beginnt sich zu fragen, was die vielen Münder erzählen. In ihrer Zusammenstellung entstehen zahlreiche Assoziationen von Landschaftsbildern, Bewegungen von fliegenden Vögeln oder Vogelzügen. Doch was hat der Kuss selbst nicht für zahlreiche Assoziationsmöglichkeiten: als Begrüßungs- und Abschiedsgeste, als Liebesbekundung, der mütterliche/väterliche Kuss, der Versöhnungskuss, der politische Bruderkuss, der Judaskuss. Küsse sind Ausdruck von Zuneigung, Freude und Liebe wie auch von Trost und Trauer, aber sie können auch erdrückend, unangenehm, unerwünscht und heuchlerisch sein. Es sind Marken auf jedem persönlichen Lebensweg. So sind den Erinnerungen keine Grenzen gesetzt. Die Form des Kusses wird Sinnbild des Zeitflusses und vergegenwärtigt Vergangenes im Jetzt.

Das Konzept, den eigenen Körper oder Körperteile des Künstlers in den Gestaltungsprozess einzusetzen, hat wichtige Wurzeln in den 60er Jahren unseres Jahrhunderts. Es sei nur an die Female Figures von Robert Rauschenberg erinnert, der 1950 Körper mittels Licht auf Blaupause fixierte oder rufen wir uns die blaufarbigen Körperabdrücke in den Bildern der Anthropometrien von Yves Klein, 1960/61, ins Gedächnis. In den 80er Jahren erlebt der Einsatz des Körpers des Künstlers einen Höhepunkt mit Selbstinszenierungen und Verkleidungen in Fotografien und Videos. Der Körpereinsatz im Rahmen einer Performance fällt hier bei der Arbeit Eilergerhards heraus und bleibt verborgen – was sichtbar wird sind die Spuren des Körpereinsatzes.
Bei der Konzeption der Arbeit ist der Künstlerin die Vergänglichkeit der Installation wichtig: die Planung einer zeitlichen Begrenzung der Arbeit, die in den nächsten Tagen unter der weißen Abdeckfarbe der Wand verschwinden wird, ist ein Akt des Übermalens und Verschwindens. Damit bezieht Eilergerhard ihre Position angesichts der Schnelllebigkeit unseres Zeitalters. Sie setzt angesichts der zunehmenden Technisierung konzeptionell den Menschen als Gestaltungselement ein.

Dr. Hella Nocke-Schrepper, Essen, 1999

DIE KÜNSTLERIN IST ANWESEND
– UND KÜSST.

Eröffnungsrede von
Dr. Hella Nocke-Schrepper
anlässlich der Ausstellung:
„Die Künstler sind anwesend.“,
Forum Bildender Künstler, Essen, 11. Juni 1999

DIE KÜNSTLERIN IST ANWESEND – UND KÜSST….
über Spiel und Ernst einer Installation von Anke Eilergerhard, Eröffnungsrede anlässlich der Ausstellung „Die Künstler sind anwesend.“, Forum Bildender Künstler, Essen, 11. Juni 1999

Über die gesamten Wände zieht sich eine Raum – oder vielmehr Wandinstallation von Anke Eilergerhard. Die Künstlerin arbeitet nicht im traditionellen Sinne mit dem Pinsel, sondern hat, wie man nach dem ersten irritierenden Moment erkennen kann, ihren Mund, mit rotem Lippenstift bemalt, tausendfach auf die unberührten weißen Wände des Forums aufgedrückt. Die unterschiedlichen Gestalten ziehen sich wie ein roter Faden durch die Räume: immer an der Augenhöhe orientiert reihen sich zahlreiche Küsse über die laufenden Meter. Insgesamt sind es „6828 Küsse“, so auch der Titel der Arbeit, die in insgesamt 55 Stunden und 15 Minuten auf den Wänden entstand. Was, so fragt man sich unmittelbar, veranlasst Eilergerhard dazu, diesen Marathon auf sich zu nehmen? Eilergerhard hat in ihren Arbeiten immer wieder die Grenzen der Malerei ausgereizt: ob sie mit Stoffen, Puppenhaar oder Torten arbeitet – immer wieder greift sie auf Elemente des täglichen Umfeldes des Menschen zurück. Durch eine individuelle Gestaltung und Multiplikation dieser Materialien schafft sie einen neuen Kontext, der zunächst irritiert. Ein solches Überraschungsmoment ist auch Teil der Arbeit im Essener Forum. Zuerst nimmt man die Figurationen unterschiedlicher Ballungen, intensiver farbiger Zentren und Streuungen roter Ovalformen auf den Wänden wahr. Tritt man näher heran, so ist der einzelne Kussmund sofort zu erkennen. Die Küsse unterscheiden sich in ihrer Form und Farbintensität, die Mundöffnung variiert. Man beginnt sich zu fragen, was die vielen Münder erzählen. In ihrer Zusammenstellung entstehen zahlreiche Assoziationen von Landschaftsbildern, Bewegungen von fliegenden Vögeln oder Vogelzügen. Doch was hat der Kuss selbst nicht für zahlreiche Assoziationsmöglichkeiten: als Begrüßungs- und Abschiedsgeste, als Liebesbekundung, der mütterliche/väterliche Kuss, der Versöhnungskuss, der politische Bruderkuss, der Judaskuss. Küsse sind Ausdruck von Zuneigung, Freude und Liebe wie auch von Trost und Trauer, aber sie können auch erdrückend, unangenehm, unerwünscht und heuchlerisch sein. Es sind Marken auf jedem persönlichen Lebensweg. So sind den Erinnerungen keine Grenzen gesetzt. Die Form des Kusses wird Sinnbild des Zeitflusses und vergegenwärtigt Vergangenes im Jetzt.

Das Konzept, den eigenen Körper oder Körperteile des Künstlers in den Gestaltungsprozess einzusetzen, hat wichtige Wurzeln in den 60er Jahren unseres Jahrhunderts. Es sei nur an die Female Figures von Robert Rauschenberg erinnert, der 1950 Körper mittels Licht auf Blaupause fixierte oder rufen wir uns die blaufarbigen Körperabdrücke in den Bildern der Anthropometrien von Yves Klein, 1960/61, ins Gedächnis. In den 80er Jahren erlebt der Einsatz des Körpers des Künstlers einen Höhepunkt mit Selbstinszenierungen und Verkleidungen in Fotografien und Videos. Der Körpereinsatz im Rahmen einer Performance fällt hier bei der Arbeit Eilergerhards heraus und bleibt verborgen – was sichtbar wird sind die Spuren des Körpereinsatzes.
Bei der Konzeption der Arbeit ist der Künstlerin die Vergänglichkeit der Installation wichtig: die Planung einer zeitlichen Begrenzung der Arbeit, die in den nächsten Tagen unter der weißen Abdeckfarbe der Wand verschwinden wird, ist ein Akt des Übermalens und Verschwindens. Damit bezieht Eilergerhard ihre Position angesichts der Schnelllebigkeit unseres Zeitalters. Sie setzt angesichts der zunehmenden Technisierung konzeptionell den Menschen als Gestaltungselement ein.

Dr. Hella Nocke-Schrepper, Essen, 1999

DIE KÜNSTLERIN IST ANWESEND
– UND KÜSST.

Eröffnungsrede von
Dr. Hella Nocke-Schrepper
anlässlich der Ausstellung:
„Die Künstler sind anwesend.“,
Forum Bildender Künstler, Essen, 11. Juni 1999

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