DIE ZARTESTE VERSUCHUNG SEIT ES KUNST GIBT
Ein Atelierbesuch bei Anke Eilergerhard
Atelierbesuche haben immer etwas Aufregendes. Man kommt leicht in eine Art Euphorie. Allein die Fülle an Kunst aus einer Ecke, aus einem Künstlerdrama, das da plötzlich ausgebreitet liegt, ist überwältigend. Hier sind es vor allem die Farben, die drallen Formen, die sonderbaren Gerüche. Das führt leicht zu halluzinatorischen Erscheinungen. Oder kann auch, wie bei einer Überdosis, einen schwebenden Zustand zwischen überwach und beklommen, zwischen Hochstimmung und Panik hervorrufen.
Gleich als ich eintrete, überfällt mich das Gegenteil von Unterzuckerung. Wäre was? Zuckerschock. In diesem Raum, einer schwerindustriell zugeschnittenen Fabrikhalle, ergibt sich ein Motivkontrast, der sich aus der weißgestrichenen Werkhalle und den starkfarbigen Objekten ergibt. Was eine eigenartige Steigerung hervorruft. Alles scheint auf einmal süß, baisersüß, sirupsüß. Gibt es eine Steigerung von süß? Wir reden über Wirbelstürme. Es gibt bei Anke Eilergerhard eine eingefleischte Angst vor Stürmen. Später wird sich herausstellen, es gibt auch eine Phobie vor Spinnen.

Viren oder Wirbelstürme
Zunächst scheint alles sicher, einladend und maßlos schön. Scheint nicht bloß so, ist es bestimmt auch. Wie eine fein gedeckte Kaffeetafel, rundherum ordentlich, adrett und prett. Ungemein satt, glänzend und gnadenlos attraktiv: Sattrosa, Cremeweiß, Sonnengelb, penetrant Himmelblau, Türkis, das zum Mintgrün tendiert, Giftgrün, Rostorange, Tieflila und was für ein Kaliber von Pink! Wie sie da so neben einander stehen, könnte kein noch so durchgestylter Eisladen Marke Ipanema sunsetbeach mithalten.
„Wir waren am See“, erzählt Eilergerhard, „ein Monstersturm zog auf, Bäume entwurzelten sich, stürzten um wie Streichhölzer.“ Sie beginnt die Serie der WIRBELWINDE. Alle erhalten, anders als die Meteorologen es vorgeben, abwechselnd männliche und weibliche Vornamen. Aber so einfach übersetzt sich das hier nicht. Die monströsen Gebilde mit den vertrauten Namen sind keineswegs einfach Portraits von Wirbelstürmen. Könnten beispielsweise auch XXL Vergrößerungen von Staubpartikeln, urzeitlicher Einzeller oder von Pollen sein, die uns alltäglich umwirbeln. Beispielsweise auch Viren. Der Wunderkasten der Ultramikroskopie ist voll im Schwang. Oder auch Vergrößerungen prähistorischer Fruchtbarkeitssymbole, gesehen durch ein immenses Vergrößerungsglas mit koonsianischen Vorschaltlinsen.
Alles ist cremig, candy, klebrig, zuckrig von einer Art soft, wie Marshmellows. Wie Eilergerhard auf Silikon stieß ist eine andere Geschichte. Silikomasse bietet mindestens drei Vorteile. Sie erscheint soft, ist aber verdammt stabil, lässt sich zu schwindelerregender Höhe auftürmen und zu unübesehbaren Wülsten verdicken. Sie kann durch millimeterdünne Düsen gespritzt und zudem hohe Farbintensitäten annehmen, die Oberfläche zwischen speckig und ultrahochglänzend changierend. So wirken die Gebilde vollkommen künstlich und doch wie Erotonome, vorwiegend Lebewesen vonnunbekannter Größe und Herkunft, unbekannten Geschlechts, süß, niedlich, unheimlich und jedenfalls ungenießbar, stachelig, untouchable, besser nicht berühren! Wegen ihrer drallen Rundungen verlockend bis obszön.
Silikon ist eine synthetische Masse. Als Kunststoff ist es ein Hybrid mit einzigartigem Eigenschaftsspektrum, das von keinem anderen Kunststoff erreicht wird. Aufgrund ihres typisch anorganischen Gerüsts einerseits und der organischen Reste andererseits nehmen Silikone eine Zwischenstellung zwischen anorganischen und organischen Verbindungen ein. Genug der Belehrung. Sie sei nur deshalb hier eingefügt, weil auch Plastiken gerade da interessant werden, wo sie seine Zwischenstellung beziehen. Zwischen was?

Doch erst einmal zurück zur Geschichte
„Einfach schön der Sonntagsnachmittagsausflug mit der Familie, Vater, Mutter und die beiden Töchter.“ Eilergerhard erinnert sich, „Im Bergischen
Land regnet es viel, auch sonntags.“ Alles drängt da ins Kaffeehaus. Das Café Grimm in Elberfeld oder das Café Löwer in Barmen sind abwechselnd Höhepunkte des Sonntagsausflugs. Auch das Café Baldeau an der Rheinpromenade in Boppard kommt dann und wann in die engere Wahl. Der wohlvertraute, dann schnell stickige Geruch, der, sobald sie die Lokalität betreten, unausweichlich wird, setzt sich in der Erinnerung fest. Doch erst der Blick in die Tortenvitrine! In diesem gläsernen Schrein stehen die hochdekorierten Sahnehaubenelaborate und glänzenden Schokoladenprachtstücke fein säuberlich aufgereiht wie in einer Ausstellung. Oder sie drehen sich sogar auf runden Tablets unendlich langsam im Kreis. Das Mädchen steht lange vor diesen von innen beleuchteten Vitrinen, begeistert, hypnontisiert. Doch bringt eine sonntägliche Handlung, eine durch und durch profane Verrichtung, diese Zuckerbäckerwelt jäh ins Schwanken. Wie die Buffetkraft mit dem große Messer in die Sahnetorte fährt, die inneren Schichtungen sichtbar werden, das frisch tranchiert Tortenstück behutsam auf ein Kuchentellerchen gehievt wird, dabei beinahe kippt und, höchstes Ungeschick, größte zu vermeidende Peinlichkeit, die Spitze des Tortenstücks bricht ab.
Das alles steht hier auf dem Spiel. Das alles, höchster Kitzel der Gefühle, reichert die ohnehin süßlich verbrauchte Kaffeehausluft mit einer nach Entladung gierenden Spannung an. Vor der Vitirine stehend hat sie ihren Posten bezogen. Hier wartet sie still auf den einzig erregenden Moment des Sonntags, den Absturz eines Sahnetortenteils. Torten essen mochte Anke jedoch nie.
Nach Wien! Der Wunsch tauchte urplötzlich auf, wie er anderseits doch nahe lag. „Warum nicht nach Wien ziehen in die große Stadt der berühmtesten Kaffeehäuser! In einem alten Kaffeehaus das Atelier beziehen!“ Es wurde die Fabrik in Ostberlin. So kann es kommen, so kann es kippen. „Heile Welt hält nicht!“, so die ernüchternde Weisheit der jungen Künstlerin. Abstürze sind einzukalkulieren, mitunter breiten sie sogar insgeheim Lust.
Ihre neuen Werke betitelt die Künstlerin nach allesamt Mädchennamen mit einem großen A: Anja, Anke, Annadel. Alle von Anna abgeleitet, die Liebreizende. Eine Serie mit Kaffeeservicen entsteht, die Annas ab 2011. Ganze Markenporzellan-Service aus Konkursbeständen bestellt sie bei ehemaligen Ost-Betrieben. Die Silikonmasse, die die Porzellanteile zusammenhalten soll, färbt sie entsprechen zu den Farben des ausgewählten Kaffeeservices: Rosa, Mintgrün, Beige, Elfenbein. Die Silikonmasse quetscht sich aus den Fugen und gewinnt als Spritzdekor, wie es auf Torten klebt, einen eigenen süßen Horror.
Es entstehen hoch aufragende Gebilde, äquilibristische Getüme, wunderliche Zikkurate mit Gesichtern, Fratzen, die köstlich und zerbrechlich, keineswegs nur statisch jederzeit einzustürzen drohen. Im überbordenden Detail, in den aus Tellern, Tassen und Kannen, Zuckerdosen und Milchkännchen accimboldesk geformten Gesichtern, dem abstrusen Witz der Figuren, geht schnell verloren, was sich hier vielleicht sonst noch zeigt: Sehnsucht nach Sinnlichkeit, nach Körperlichkeit.

„Wir kamen plötzlich in einen Schneesturm“
erinnert sich Eilergerhard. „Wir waren in den Dolomiten, Skifahren mit der ganzen Familie. Wir konnten die Hand kaum mehr vor Augen sehen, die Mutter rutscht einen Abhang herunter.“ Wie der Vater den beiden Töchtern noch zuruft: „Fahrt weiter, hinter denen her und wartet unten bei der Hütte…“. Plötzlich war der Familienausflug gekippt. Oben, bei der Abfahrt hatte noch die Sonne geschienen, dann war die Mutter im Schneesturm verschwunden. Zeitlichkeit wird zu ihrer Grunderfahrung. Sahnetorten sind auch nur einen schönen Augenblick lang verlockend. Sie kippen schneller als „Fräuleinchen“ ahnt, sogar die Spitze kann abbrechen. Ja, beinahe liegt ihre schönste Eigenschaft im Moment des Kippens. Sie sieht in den Torten „gefrorene Explosionen“, steife Vergänglichkeiten, die ihr Potential und ihre Sprengkraft unter der pastellenen Glasur verbergen. Ludwig Wittgenstein hat den Kippeffekt beschrieben. In seinen Philosophischen Untersuchungen gibt er einen Hinweis darauf, wie diese Doppelwertigkeit genutzt werden kann, damit wir nicht im Zwiespalt oder im Widerspruch verfangen. In der Kunst erscheinen Doppelwertigkeiten als ein bekanntes Phänomen, ja sie machen ihren Kern aus; sie sind sogar ihr springender Punkt.

Hysterische Kippmomente
Wir betrachten in der Kunst nicht unbedingt nur das Ding selbst, sondern auch dessen Erscheinen. Sein In-Erscheinung-Treten. Wir wechseln von der klassifikatorischen Beschreibung und Bestimmung des Dargestellten zu dessen Eindruck, den es auf uns macht. Wir switchen (würde Wittgenstein sicher nicht gesagt haben) vom ontologischen Urteil zur ästhetischen Auffassungsweise.
Der Aspekt, unter dem wir etwas sehen, ist entscheidend. Er ist das, was unter bestimmten Bedingungen im Kunstwerk aufleuchtet und er ist zugleich das, was der Betrachter am Kunstwerk bemerkt. Der doppelwertige Aspekt ist also weder alleine eine Eigenschaft des Gegenstands, noch allein eine Imaginationsleistung des Betrachters, sondern entsteht im produktiven Zusammenspiel beider. Wir sehen etwas, indem wir es als etwas auffassen, doch ist diese Auffassung nicht willkürlich, sondern muss zum Wahrnehmungsobjekt und dessen Merkmalen passen. Wenn wir nun einen Aspekt auffassen, machen wir, genau genommen, die Erfahrung eines Aspektwechsels. Denn was sich ereignet, ist der Austausch einer bisherigen Sichtweise durch eine neue – zum Beispiel die Sichtweise alles sei süß und klebrig durch eine neue, es sei giftig und stachelig. Oder: Es sind putzige Figuren aus hübschen Kaffeeservicen durch die neue, es handelt sich um ihr Gleichgewicht suchende, vom jähem Einsturz bedrohte Gebilde. Oder: Was erst niedlich erscheint, wirkt beim zweiten Blick anstößig.
Dieses Potential zum Aspektwechsel – dass etwas es selbst bleiben kann, ja sogar die Aufmerksamkeit auf seine intrinsischen Merkmale wie Materialeigenschaften oder Bearbeitungsweisen zu lenken weiß, um dennoch für uns zu einem Anderen werden zu können – erklärt Wittgenstein zu einer wesentlichen Qualität von Kunstwerken. Darin liegt deren eigene Produktivität. Es gehört zu den hervorragendsten Eigenschaften der Plastiken von Eilergerhard, wie verführerisch und wundervoll das Phänomen des „Kippeffekts“ hier erfahren werden kann. Eine Transformation, die sich diesseits der Magie vollzieht, nämlich allein aufgrund des produktiven Zusammenspiels zwischen den ästhetischen Merkmalen des Objekts und unserer ästhetischen Auffassungsgabe – , ein Wunder. Es ist dieses Wunder der Kunst, das sich in Eilergerhards Plastiken ereignet – und sie so delikat machen.

Verhext. Der Zweite Blick
Es ist dies eine mit den Jahren entwickelte Eigenart, oder besser Fähigkeit, dem Alltag gegenüber mit besonderer Aufmerksamkeit und Beobachtungsgabe zu begegnen. Das Beiläufige, ach so Gewöhnliche mit einem Staunen neu zu sehen und so zu eigenem Leben zu erwecken. Wer staunt, wiedersetzt sich der Vergeudung des Lebens. Serendipity.
Natürlich muss man sich fragen, inwieweit Kunst Teil der Unterhaltungsindustrie, des infinite jerk, des trash, „des ganzen zynischen postmodernen Kappes“ (David Forster Wallace) geworden ist? Natürlich kann man dagegen aufgebracht sein, angewidert von den Verlogenheiten, mehr noch von den bodenlosen Banalisierungen, die wir als eine Form der Radikalisierung des trash ansehen können. Oder besser nicht. Denn dann bliebe noch Hoffnung, dass etwas dabei herausspringen könnte, zum Beispiel Megatrash. Trash ist auch nicht schlechter Geschmack. Denn das würde bedeuten, dass es noch eine Ahnung (sogar ein Wissen, ein Gespür) für guten Geschmack gäbe. Aber das ist eine Illusion. Trash schert sich nicht um solche Dinge. Trash feiert nur sich selbst, dreht sich um sich selbst und je mehr sich mitdrehen, desto größer die Party. Trash ist eine völlig bewusstlose Glibbermasse, die sich ausbreitet und alles auffrisst, solange von irgendwoher Geld zugeschossen wird. Trash ist Sucht nach mehr trash. Trash und Geld sind eine unheimliche Verbindung eingegangen, einziges Ziel: Es weiter in Schwung zu halten.

Es bleibt das große NOW
Und schon sitzen wir in der vermeintlich selbstbestimmten und daher widerspruchsfreien Totalkontrollfalle. „Paradox und Paradies“ von wem stammt noch verdammt dieser wunderbare Buchtitel?
Obszön, wer das Wort verwendet, zeigt, dass er sich auf eine verbindliche Werteordnung berufen will. Es bezeichnet einen Verstoß gegen eine allgemein anerkannte Verhaltensregel, ein Tabu. Die Grenzen sind unterdessen unscharf geworden. Das Spiel mit Obszönitäten ist das Spiel mit der Schamgrenze. Sowohl Anziehendes als auch Abstoßendes kann als obszön gelten. Wer nur das eigene Empfinden ausdrücken will, der könnte mit den Vokabeln widerlich oder widerwärtig auskommen. Aber darum geht es der Künstlerin nicht. Sie liebt das Spiel.
Es geht uns wie Eilergerhard mit Horrorfilmen. Sie meidet sie und fühlt sich von ihnen angezogen, Hitchcocks „Die Vögel“ etwa, Kubricks „Shining“ oder Sam Mendes „Zeit des Aufruhrs“ (eigentlich kein Horrorfilm, sondern ein Melodram, eine Antithese zu „Titanic“, wo die Liebe den Tod überwindet, während sie hier der alltäglichen Banalität unterliegt). Die Liebe zerschellt am Eis der Gleichgültigkeiten. 50er Jahre, hohe Zeit der Sahnetorten. Gepflegte Oberflächlichkeit war schon immer das beste Biotop für depressive Leere.

Carl Friedrich Schröer, eiskellerberg.tv, 2021 – gekürzter Textauszug

DIE ZARTESTE VERSUCHUNG SEIT ES KUNST GIBT
Ein Atelierbesuch bei Anke Eilergerhard.
Carl Friedrich Schröer
eiskellerberg.tv, 2021 –
gekürzter Textauszug

DIE ZARTESTE VERSUCHUNG SEIT ES KUNST GIBT
Ein Atelierbesuch bei Anke Eilergerhard
Atelierbesuche haben immer etwas Aufregendes. Man kommt leicht in eine Art Euphorie. Allein die Fülle an Kunst aus einer Ecke, aus einem Künstlerdrama, das da plötzlich ausgebreitet liegt, ist überwältigend. Hier sind es vor allem die Farben, die drallen Formen, die sonderbaren Gerüche. Das führt leicht zu halluzinatorischen Erscheinungen. Oder kann auch, wie bei einer Überdosis, einen schwebenden Zustand zwischen überwach und beklommen, zwischen Hochstimmung und Panik hervorrufen.
Gleich als ich eintrete, überfällt mich das Gegenteil von Unterzuckerung. Wäre was? Zuckerschock. In diesem Raum, einer schwerindustriell zugeschnittenen Fabrikhalle, ergibt sich ein Motivkontrast, der sich aus der weißgestrichenen Werkhalle und den starkfarbigen Objekten ergibt. Was eine eigenartige Steigerung hervorruft. Alles scheint auf einmal süß, baisersüß, sirupsüß. Gibt es eine Steigerung von süß? Wir reden über Wirbelstürme. Es gibt bei Anke Eilergerhard eine eingefleischte Angst vor Stürmen. Später wird sich herausstellen, es gibt auch eine Phobie vor Spinnen.

Viren oder Wirbelstürme
Zunächst scheint alles sicher, einladend und maßlos schön. Scheint nicht bloß so, ist es bestimmt auch. Wie eine fein gedeckte Kaffeetafel, rundherum ordentlich, adrett und prett. Ungemein satt, glänzend und gnadenlos attraktiv: Sattrosa, Cremeweiß, Sonnengelb, penetrant Himmelblau, Türkis, das zum Mintgrün tendiert, Giftgrün, Rostorange, Tieflila und was für ein Kaliber von Pink! Wie sie da so neben einander stehen, könnte kein noch so durchgestylter Eisladen Marke Ipanema sunsetbeach mithalten.
„Wir waren am See“, erzählt Eilergerhard, „ein Monstersturm zog auf, Bäume entwurzelten sich, stürzten um wie Streichhölzer.“ Sie beginnt die Serie der WIRBELWINDE. Alle erhalten, anders als die Meteorologen es vorgeben, abwechselnd männliche und weibliche Vornamen. Aber so einfach übersetzt sich das hier nicht. Die monströsen Gebilde mit den vertrauten Namen sind keineswegs einfach Portraits von Wirbelstürmen. Könnten beispielsweise auch XXL Vergrößerungen von Staubpartikeln, urzeitlicher Einzeller oder von Pollen sein, die uns alltäglich umwirbeln. Beispielsweise auch Viren. Der Wunderkasten der Ultramikroskopie ist voll im Schwang. Oder auch Vergrößerungen prähistorischer Fruchtbarkeitssymbole, gesehen durch ein immenses Vergrößerungsglas mit koonsianischen Vorschaltlinsen.
Alles ist cremig, candy, klebrig, zuckrig von einer Art soft, wie Marshmellows. Wie Eilergerhard auf Silikon stieß ist eine andere Geschichte. Silikomasse bietet mindestens drei Vorteile. Sie erscheint soft, ist aber verdammt stabil, lässt sich zu schwindelerregender Höhe auftürmen und zu unübesehbaren Wülsten verdicken. Sie kann durch millimeterdünne Düsen gespritzt und zudem hohe Farbintensitäten annehmen, die Oberfläche zwischen speckig und ultrahochglänzend changierend. So wirken die Gebilde vollkommen künstlich und doch wie Erotonome, vorwiegend Lebewesen vonnunbekannter Größe und Herkunft, unbekannten Geschlechts, süß, niedlich, unheimlich und jedenfalls ungenießbar, stachelig, untouchable, besser nicht berühren! Wegen ihrer drallen Rundungen verlockend bis obszön.
Silikon ist eine synthetische Masse. Als Kunststoff ist es ein Hybrid mit einzigartigem Eigenschaftsspektrum, das von keinem anderen Kunststoff erreicht wird. Aufgrund ihres typisch anorganischen Gerüsts einerseits und der organischen Reste andererseits nehmen Silikone eine Zwischenstellung zwischen anorganischen und organischen Verbindungen ein. Genug der Belehrung. Sie sei nur deshalb hier eingefügt, weil auch Plastiken gerade da interessant werden, wo sie seine Zwischenstellung beziehen. Zwischen was?

Doch erst einmal zurück zur Geschichte
„Einfach schön der Sonntagsnachmittagsausflug mit der Familie, Vater, Mutter und die beiden Töchter.“ Eilergerhard erinnert sich, „Im Bergischen
Land regnet es viel, auch sonntags.“ Alles drängt da ins Kaffeehaus. Das Café Grimm in Elberfeld oder das Café Löwer in Barmen sind abwechselnd Höhepunkte des Sonntagsausflugs. Auch das Café Baldeau an der Rheinpromenade in Boppard kommt dann und wann in die engere Wahl. Der wohlvertraute, dann schnell stickige Geruch, der, sobald sie die Lokalität betreten, unausweichlich wird, setzt sich in der Erinnerung fest. Doch erst der Blick in die Tortenvitrine! In diesem gläsernen Schrein stehen die hochdekorierten Sahnehaubenelaborate und glänzenden Schokoladenprachtstücke fein säuberlich aufgereiht wie in einer Ausstellung. Oder sie drehen sich sogar auf runden Tablets unendlich langsam im Kreis. Das Mädchen steht lange vor diesen von innen beleuchteten Vitrinen, begeistert, hypnontisiert. Doch bringt eine sonntägliche Handlung, eine durch und durch profane Verrichtung, diese Zuckerbäckerwelt jäh ins Schwanken. Wie die Buffetkraft mit dem große Messer in die Sahnetorte fährt, die inneren Schichtungen sichtbar werden, das frisch tranchiert Tortenstück behutsam auf ein Kuchentellerchen gehievt wird, dabei beinahe kippt und, höchstes Ungeschick, größte zu vermeidende Peinlichkeit, die Spitze des Tortenstücks bricht ab.
Das alles steht hier auf dem Spiel. Das alles, höchster Kitzel der Gefühle, reichert die ohnehin süßlich verbrauchte Kaffeehausluft mit einer nach Entladung gierenden Spannung an. Vor der Vitirine stehend hat sie ihren Posten bezogen. Hier wartet sie still auf den einzig erregenden Moment des Sonntags, den Absturz eines Sahnetortenteils. Torten essen mochte Anke jedoch nie.
Nach Wien! Der Wunsch tauchte urplötzlich auf, wie er anderseits doch nahe lag. „Warum nicht nach Wien ziehen in die große Stadt der berühmtesten Kaffeehäuser! In einem alten Kaffeehaus das Atelier beziehen!“ Es wurde die Fabrik in Ostberlin. So kann es kommen, so kann es kippen. „Heile Welt hält nicht!“, so die ernüchternde Weisheit der jungen Künstlerin. Abstürze sind einzukalkulieren, mitunter breiten sie sogar insgeheim Lust.
Ihre neuen Werke betitelt die Künstlerin nach allesamt Mädchennamen mit einem großen A: Anja, Anke, Annadel. Alle von Anna abgeleitet, die Liebreizende. Eine Serie mit Kaffeeservicen entsteht, die Annas ab 2011. Ganze Markenporzellan-Service aus Konkursbeständen bestellt sie bei ehemaligen Ost-Betrieben. Die Silikonmasse, die die Porzellanteile zusammenhalten soll, färbt sie entsprechen zu den Farben des ausgewählten Kaffeeservices: Rosa, Mintgrün, Beige, Elfenbein. Die Silikonmasse quetscht sich aus den Fugen und gewinnt als Spritzdekor, wie es auf Torten klebt, einen eigenen süßen Horror.
Es entstehen hoch aufragende Gebilde, äquilibristische Getüme, wunderliche Zikkurate mit Gesichtern, Fratzen, die köstlich und zerbrechlich, keineswegs nur statisch jederzeit einzustürzen drohen. Im überbordenden Detail, in den aus Tellern, Tassen und Kannen, Zuckerdosen und Milchkännchen accimboldesk geformten Gesichtern, dem abstrusen Witz der Figuren, geht schnell verloren, was sich hier vielleicht sonst noch zeigt: Sehnsucht nach Sinnlichkeit, nach Körperlichkeit.

„Wir kamen plötzlich in einen Schneesturm“
erinnert sich Eilergerhard. „Wir waren in den Dolomiten, Skifahren mit der ganzen Familie. Wir konnten die Hand kaum mehr vor Augen sehen, die Mutter rutscht einen Abhang herunter.“ Wie der Vater den beiden Töchtern noch zuruft: „Fahrt weiter, hinter denen her und wartet unten bei der Hütte…“. Plötzlich war der Familienausflug gekippt. Oben, bei der Abfahrt hatte noch die Sonne geschienen, dann war die Mutter im Schneesturm verschwunden. Zeitlichkeit wird zu ihrer Grunderfahrung. Sahnetorten sind auch nur einen schönen Augenblick lang verlockend. Sie kippen schneller als „Fräuleinchen“ ahnt, sogar die Spitze kann abbrechen. Ja, beinahe liegt ihre schönste Eigenschaft im Moment des Kippens. Sie sieht in den Torten „gefrorene Explosionen“, steife Vergänglichkeiten, die ihr Potential und ihre Sprengkraft unter der pastellenen Glasur verbergen. Ludwig Wittgenstein hat den Kippeffekt beschrieben. In seinen Philosophischen Untersuchungen gibt er einen Hinweis darauf, wie diese Doppelwertigkeit genutzt werden kann, damit wir nicht im Zwiespalt oder im Widerspruch verfangen. In der Kunst erscheinen Doppelwertigkeiten als ein bekanntes Phänomen, ja sie machen ihren Kern aus; sie sind sogar ihr springender Punkt.

Hysterische Kippmomente
Wir betrachten in der Kunst nicht unbedingt nur das Ding selbst, sondern auch dessen Erscheinen. Sein In-Erscheinung-Treten. Wir wechseln von der klassifikatorischen Beschreibung und Bestimmung des Dargestellten zu dessen Eindruck, den es auf uns macht. Wir switchen (würde Wittgenstein sicher nicht gesagt haben) vom ontologischen Urteil zur ästhetischen Auffassungsweise.
Der Aspekt, unter dem wir etwas sehen, ist entscheidend. Er ist das, was unter bestimmten Bedingungen im Kunstwerk aufleuchtet und er ist zugleich das, was der Betrachter am Kunstwerk bemerkt. Der doppelwertige Aspekt ist also weder alleine eine Eigenschaft des Gegenstands, noch allein eine Imaginationsleistung des Betrachters, sondern entsteht im produktiven Zusammenspiel beider. Wir sehen etwas, indem wir es als etwas auffassen, doch ist diese Auffassung nicht willkürlich, sondern muss zum Wahrnehmungsobjekt und dessen Merkmalen passen. Wenn wir nun einen Aspekt auffassen, machen wir, genau genommen, die Erfahrung eines Aspektwechsels. Denn was sich ereignet, ist der Austausch einer bisherigen Sichtweise durch eine neue – zum Beispiel die Sichtweise alles sei süß und klebrig durch eine neue, es sei giftig und stachelig. Oder: Es sind putzige Figuren aus hübschen Kaffeeservicen durch die neue, es handelt sich um ihr Gleichgewicht suchende, vom jähem Einsturz bedrohte Gebilde. Oder: Was erst niedlich erscheint, wirkt beim zweiten Blick anstößig.
Dieses Potential zum Aspektwechsel – dass etwas es selbst bleiben kann, ja sogar die Aufmerksamkeit auf seine intrinsischen Merkmale wie Materialeigenschaften oder Bearbeitungsweisen zu lenken weiß, um dennoch für uns zu einem Anderen werden zu können – erklärt Wittgenstein zu einer wesentlichen Qualität von Kunstwerken. Darin liegt deren eigene Produktivität. Es gehört zu den hervorragendsten Eigenschaften der Plastiken von Eilergerhard, wie verführerisch und wundervoll das Phänomen des „Kippeffekts“ hier erfahren werden kann. Eine Transformation, die sich diesseits der Magie vollzieht, nämlich allein aufgrund des produktiven Zusammenspiels zwischen den ästhetischen Merkmalen des Objekts und unserer ästhetischen Auffassungsgabe – , ein Wunder. Es ist dieses Wunder der Kunst, das sich in Eilergerhards Plastiken ereignet – und sie so delikat machen.

Verhext. Der Zweite Blick
Es ist dies eine mit den Jahren entwickelte Eigenart, oder besser Fähigkeit, dem Alltag gegenüber mit besonderer Aufmerksamkeit und Beobachtungsgabe zu begegnen. Das Beiläufige, ach so Gewöhnliche mit einem Staunen neu zu sehen und so zu eigenem Leben zu erwecken. Wer staunt, wiedersetzt sich der Vergeudung des Lebens. Serendipity.
Natürlich muss man sich fragen, inwieweit Kunst Teil der Unterhaltungsindustrie, des infinite jerk, des trash, „des ganzen zynischen postmodernen Kappes“ (David Forster Wallace) geworden ist? Natürlich kann man dagegen aufgebracht sein, angewidert von den Verlogenheiten, mehr noch von den bodenlosen Banalisierungen, die wir als eine Form der Radikalisierung des trash ansehen können. Oder besser nicht. Denn dann bliebe noch Hoffnung, dass etwas dabei herausspringen könnte, zum Beispiel Megatrash. Trash ist auch nicht schlechter Geschmack. Denn das würde bedeuten, dass es noch eine Ahnung (sogar ein Wissen, ein Gespür) für guten Geschmack gäbe. Aber das ist eine Illusion. Trash schert sich nicht um solche Dinge. Trash feiert nur sich selbst, dreht sich um sich selbst und je mehr sich mitdrehen, desto größer die Party. Trash ist eine völlig bewusstlose Glibbermasse, die sich ausbreitet und alles auffrisst, solange von irgendwoher Geld zugeschossen wird. Trash ist Sucht nach mehr trash. Trash und Geld sind eine unheimliche Verbindung eingegangen, einziges Ziel: Es weiter in Schwung zu halten.

Es bleibt das große NOW
Und schon sitzen wir in der vermeintlich selbstbestimmten und daher widerspruchsfreien Totalkontrollfalle. „Paradox und Paradies“ von wem stammt noch verdammt dieser wunderbare Buchtitel?
Obszön, wer das Wort verwendet, zeigt, dass er sich auf eine verbindliche Werteordnung berufen will. Es bezeichnet einen Verstoß gegen eine allgemein anerkannte Verhaltensregel, ein Tabu. Die Grenzen sind unterdessen unscharf geworden. Das Spiel mit Obszönitäten ist das Spiel mit der Schamgrenze. Sowohl Anziehendes als auch Abstoßendes kann als obszön gelten. Wer nur das eigene Empfinden ausdrücken will, der könnte mit den Vokabeln widerlich oder widerwärtig auskommen. Aber darum geht es der Künstlerin nicht. Sie liebt das Spiel.
Es geht uns wie Eilergerhard mit Horrorfilmen. Sie meidet sie und fühlt sich von ihnen angezogen, Hitchcocks „Die Vögel“ etwa, Kubricks „Shining“ oder Sam Mendes „Zeit des Aufruhrs“ (eigentlich kein Horrorfilm, sondern ein Melodram, eine Antithese zu „Titanic“, wo die Liebe den Tod überwindet, während sie hier der alltäglichen Banalität unterliegt). Die Liebe zerschellt am Eis der Gleichgültigkeiten. 50er Jahre, hohe Zeit der Sahnetorten. Gepflegte Oberflächlichkeit war schon immer das beste Biotop für depressive Leere.

Carl Friedrich Schröer, eiskellerberg.tv, 2021 – gekürzter Textauszug

DIE ZARTESTE VERSUCHUNG SEIT ES KUNST GIBT
Ein Atelierbesuch bei Anke Eilergerhard.
Carl Friedrich Schröer
eiskellerberg.tv, 2021 –
gekürzter Textauszug